Die Tochter der Drachenbändigerin – Kapitel I

Uhjin Jashark – vor fünfzehn Jahrendrawing-1449240

Das Brüllen war nun ganz nah und sie glaubte den Atem der Bestien bereits auf ihrer nackten Haut spüren zu können. Atemlos stand sie da, den Rücken an den Stamm einer Eiche gepresst und versuchte einen klaren Gedanken zu fassen, als sich das Bündel in ihren Armen zu regen begann. Bald würde das Kind erwachen und sollte es soweit sein, war es besser einen sicheren Ort erreicht zu haben. Sie presste das kleine Wesen fester an ihre Brust und setzte ihren Weg über den schlammigen Boden fort, der sie wahrscheinlich ebenso gern verschlingen würde wie die Drachen, die immer näher kamen. Noch einmal durfte sie nicht stehen bleiben, sonst würden die Viecher sie schneller einholen als ihr lieb war. Suchend schaute sie sich um und hoffte einen sicheren Platz zu finden, an dem sie und das Kind sich für den Rest der Nacht verstecken konnten. Bei Sonnenaufgang würde sie ihren Weg dann unbehelligt fortsetzen können, denn die Ulkrien mieden das Sonnenlicht, da es ihre empfindliche Haut verbrannte. Doch das Ende der Nacht lag in weiter Ferne.
Stundenlang irrte sie mittlerweile durch den Wald, als wie aus dem Nichts ein riesiger Felsen zwischen den Bäumen auftauchte. Sein Anblick schenkte ihr neue Kraft und so stürzte sie auf das Ungetüm zu und schmiegte sich an ihn. Beinahe sanft strich sie mit der Hand über seine raue Oberfläche und vergaß vor Freude beinahe an ihm empor zu klettern, um sich und das Kind zu retten. Erst der Schrei einer ihrer immer näherkommenden Verfolger riss sie aus ihrer Trance. Sie band sich das Bündel mit dem Kind auf den Rücken und begann mit dem Aufstieg.
Ein markerschütterndes Brüllen erfüllte die Nacht, als die Ulkrien ebenfalls den Felsen erreichten und ihre Beute sich bereits außerhalb ihrer Reichweite befand. Obwohl sie Drachen waren und Flügel besaßen konnten sie nicht fliegen, denn ihre schweren Leiber fesselten sie an die Erde. Dafür hatten sie allerdings Köpfe, die mit schweren Panzerplatten versehen waren und mit diesen begannen sie nun den Felsen zu bearbeiten. Immer wieder rammten sie das Gestein und ließen es unter der Wucht ihrer Stöße erzittern.
Die Erschütterungen lösten immer wieder größere Brocken aus dem Fels und erschwerten ihr somit den Aufstieg. Als dann auch noch das Kind auf ihren Rücken begann sich zu regen glaubte sie, dass ihr Schicksal besiegelt war. Doch als das Kind aus voller Kehle zu schreien begann verstummten die wütenden Laute der Ulkrien und sie ließen von dem Felsen ab und verschwanden langsam im dichten Unterholz des Waldes. Sie beobachtete das Geschehen unter sich von einem Felsvorsprung aus und konnte nicht glauben, was da gerade passierte. Die Ulkrien, die sich an der Angst ihrer Opfer nährten gaben auf. Sie gaben auf und verschwanden und das obwohl die Sonne sich noch immer nicht am Horizont zeigte.

Uhjin Jashark – Heute

Langsam und beinahe lautlos pirsche ich mich an den Jakubuneck an, der einige hundert Meter vor mir auf einer Lichtung graste. Der Wald um mich herum war friedlich, nur ein paar Vögel in den Wipfeln der Bäume untermalen die Stille. Ich griff über meine Schulter, zog einen der Pfeile aus dem Köcher, legte ihn an und zielte. Doch kurz bevor der Pfeil sein Ziel fand sprang der Jakubuneck ins dichte Unterholz und verschwand.
„Joèl! Hatte ich nicht gesagt du sollst im Dorf bleiben?“, fauchte ich wütend und erhob mich aus meiner Deckung. Hier würde ich heute nicht mehr auf ein Beutetier warten brauchen, die Stelle war verbrannt, dafür hatte Joél mit seiner Unachtsamkeit gesorgt.
„Ja hattest du“, gab der kleine Junge zu und schaute beschämt zu Boden, wo er mit der Schuhspitze kleine Kreise in den Sand zeichnete, „aber ich schaue dir doch so gerne bei der Jagd zu.“
„Das weiß ich Joél, aber wenn ich nichts erlege müssen wir einen weiteren Tag hungern und das weißt du“, tadelte ich ihn, obwohl es mich stolz machte vom Sohn des Ältesten verehrt zu werden.
„Wir könnten fischen“, schlug er vor. Nicht ganz eigennützig, denn das hatte sein Vater ihm bereits beigebracht und wahrscheinlich wollte er nur wieder damit angeben, aber ich ließ mich darauf ein.
„Na gut, aber nur weil es sonst nichts zu essen geben würde heute Abend“, sagte ich, zog meinen Pfeil aus dem Stamm einer Moorbirke und steckte ihn zurück in den Köcher.

„Jetzt komm endlich! Sonst sind die guten Fische alle  weg!“, brüllte Joél mir über das Getöse des Flusses hinweg zu. Der Fluss, der normalerweise ruhig und gemächlich durch das Tal floss, war durch das Tauwasser aus den Bergen zu einem reißenden Monster geworden. Ich packte Joèl’s Arm und wollte ihn zum Umkehren bewegen, doch der Junge blieb stur. Er wollte sich beweisen und scheute nicht das Risiko vom Wasser mitgerissen zu werden.
„Wir gehen!“, knurrte ich und packte erneut seinen Arm, um ihn vom Wasser wegzuziehen, doch Joél riss sich erneut los, kam ins Straucheln und stürzte in die Fluten.
„Joèl!“ brüllte ich und rannte am Ufer entlang und versuchte ihn nicht aus den Augen zu verlieren. Sein Vater würde mich umbringen, wenn ich zuließ das sein einziger Sohn in den Fluten stirbt. Behände sprang ich von einem Stein zum nächsten und suchte in Gedanken nach einer Möglichkeit den Jungen aus dem Wasser zu bekommen, ohne selbst baden zu gehen oder womöglich zu sterben.
„Hilfe!“, brüllte der kleine Junger immer wieder. Die Angst stand ihm ins Gesicht geschrieben und insgeheim hoffte ich, dass er daraus lernen würde. Als der Lärm anstieg und ich erkannte, dass wir uns rasend schnell dem Wasserfall näherten, verfluchte ich mich für diesen Gedanken und betete zu den Göttern, dass sie Joél retteten.
So schnell ich auch rannte, ich würde ihn nicht mehr retten können bevor er den Wasserfall erreichte. Also beschleunigte ich noch einmal und sprang zu ihm ins Wasser, umklammerte den kleinen Leib und presste ihn an mich.
„Schließ die Augen und bete zu den Göttern!“, brüllte ich ihm ins Ohr und schloss die Augen in dem Moment, als der Fluss über die Klippe schoss und tosend ins Nichts fiel.

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7 comments

  1. Claudia says:

    Wow, das fängt ja spannend an 🙂 Ich werde Deinen Blogroman auf jeden Fall weiter verfolgen und Dich bei meinem verlinken, aber nimmer heute, denn Deinen Anfang habe ich gemütlich im Bett gelesen 😉

    Hast Du einen festen Rhythmus für die weiteren Teile angedacht oder erscheinen sie wie Du Lust und Laune hast?

    Liebe Grüße

    Claudia

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