Die Tochter der Drachenbändigerin – Kapitel II

Alles um mich herum verschwamm, während das ohrenbetäubende Gebrüll des fallenden Wassers unsere Schreie verschluckte. Mir wurde bewusst, dass dies unser Ende war und betete zu den Göttern das sie unser Leben nehmen sollten, bevor wir am Grund des Sees aufschlugen, der sich unter uns erstreckte.
Ich schloss meine Augen und wartete auf den Aufprall, der nicht kommen wollte. Stattdessen packte etwas meine Schultern und riss mich nach oben. Ein Ruck ging durch meinen Körper und es wurde langsam immer leiser um mich, während ich mich immer weiter vom Wasserfall entfernte. Vom Wasserfall entfernte! Ich riss die Augen auf und erstarrte. Ein riesiger Wolvin trug mich und Joél über die Ebene, während er gemächlich an Höhe verlor. Ich verfluchte die Götter für dieses Ende, hätten sie nicht gnädiger sein können und uns auf einem Felsen zerschellen lassen, statt einen Wolvin zu schicken die bekannt dafür waren gerne Menschenfleisch zu fressen.
Joél klammerte sich fester an mich und wimmerte leise vor sich hin, während er versuchte seine Tränen zurückzuhalten. Wahrscheinlich ärgerte er sich gerade genauso sehr über seine Dummheit, wie ich mich darüber nicht standhaft geblieben zu sein. Wäre ich mit ihm zurück ins Dorf gegangen und hätte es in Kauf genommen einen Abend zu hungern, dann würde uns jetzt keine dieser fliegenden Ratten in sein Nest schleppen. Allerdings lagen die Nester der Wolvin in den Bergen und nicht über der Ebene, was hatte das Vieh also vor? Wollte es uns in die Ebene schleppen, um uns dort zu verspeisen damit es uns  nicht mit dem Rest des Schwarm teilen musste? Meine Antwort bekam ich einige Augenblicke später.
Der Wolvin verlor immer weiter an Höhe, bis uns nur noch wenige Meter vom Boden trennten, dann ließ er los, deutete eine Verbeugung an und flog davon. Ungläubig starrte ich dem Drachen hinterher und zweifelte an meiner Zurechnungsfähigkeit.
„Mayla? Sind wir tot?“, fragte Joél mit piepsiger Stimme, die Augen noch immer geschlossen.
„Nein Joél, wir leben noch“, antwortete ich ihm und rappelte mich langsam auf. Meine Beine schwankten und gaben leicht unter meinem Gewicht nach, doch ich konnte mich auf sie verlassen. Sie trugen mich, wenn auch etwas unsicher.
„Das kann nicht sein“, stammelte er und presste sich die Hände auf die Augen.
„Komm mal her mein Kleiner“, sagte ich und zog ihn an mich, „wir sind in Sicherheit und am Leben. Der Wolvin ist weg und wir sollten uns auf den Weg zurück ins Dorf machen.“

***

Die Sonne war schon lange untergegangen, als Joél und ich frierend, hungrig und übermüdet das Dorf erreichten. Ich hatte mit vielen gerechnet, aber nicht das Korlyn auf mich zu stürmte und mir eine Backpfeife verpasste.
„Was sollte das?“, fauchte ich wütend und baute mich zu meiner vollen Größe vor ihr auf.
„Wegen dir wäre mein Junge beinahe gestorben“, brüllte sie und presste Joéls müden Körper an ihren Leib. Sie war seine Mutter und als solche machte man sich selbstverständlich Sorgen, aber was fällt ihr ein mir die Schuld in die Schuhe zu schieben?
„Jetzt komm mal wieder runter Korlyn! Hättest du besser auf deinen Sohn aufgepasst, dann wäre das Ganze nicht passiert und außerdem leben wir beide noch“, fauchte ich zurück, wandte mich von ihr ab und ging in meine Hütte am Rand des Platzes, um mich umzuziehen. Sie rief mir irgendetwas hinter her, aber ich ignorierte sie. Soll sie doch schreien und brüllen, ich übernehme ganz sicher nicht die Verantwortung für ihre Unachtsamkeit.
Rasch schlüpfte ich in trockene Kleider, legte den Köcher wieder um und steckte mir einen Dolch aus Drachenknochen an den Gürtel, bevor ich die Hütte wieder verließ. Hier würde ich ganz bestimmt nicht bleiben, denn Korlyns Predigt konnte Joél sich alleine reinziehen.
„Wo willst du hin?“, fragte eine sanfte raue Stimme, die keinen Widerspruch duldete. Langsam drehte ich mich zu dem Mann um, der mich angesprochen hatte und sah ihm tief in die Augen.
„Weg!“, knurrte ich und verschwand im Unterholz. Auch ihm würde ich mich heute Nacht nicht beugen, obwohl ich ihm mein Leben verdankte. Aber er würde bestimmt auf Korlyns Seite stehen, sie waren schließlich verheiratet.

Die Nacht war ungewöhnlich dunkel und verschluckte schon bald den Schein der Feuer aus dem Dorf. Eigentlich hatte ich gehofft mich an dem Schein der Flammen orientieren zu können, um nicht zu weit in den Wald zu laufen, aber nun würde es ohne diese Orientierungsmöglichkeit gehen müssen.
Jagen konnte ich mit Licht oder ohne, dass spielte keine Rolle. Allerdings waren nach Anbruch der Dunkelheit Wesen unterwegs, denen man lieber nicht begegnete. Ulkrien, Schattenwölfe, riesige Fledermäuse oder Spinnen so groß wie  Hunde waren Nachts besonders gerne unterwegs und keinem davon wollte ich begegnen, aber die schlechte Laune im Dorf wollte ich auch nicht abbekommen.
Langsam setzte ich einen Fuß vor den anderen und erkundete auf leisen Sohlen die nächtliche Umgebung des Dorfes. Am einfachsten wäre es ein paar Kaninchenfallen aufzustellen und im Wipfel eines Baumes auf den Anbruch des neuen Tage zu warten, um die Beute einzusammeln. Aber ich war heute Nacht unterwegs, weil ich alleine sein wollte, alleine mit mir und nicht mit meinen Gedanken. Also schlich ich zwischen den Bäumen hindurch und lauschte. Irgendwann würde ein unvorsichtiges Tier schon einen Laut von sich geben und sich verraten.
Ich war schon oft Nachts unterwegs gewesen und wusste, dass ein geduldiger Jäger ein guter Jäger war. Eine Treibjagd war nicht nur anstrengend, sondern brachte auf lange Sicht nicht viel Beute ein, auch wenn man auf einen Schlag gerne mal ein dutzend Hirschkühe erlegte. Meist war es nach einem solchen Treiben über Tage hinweg sehr still im Wald und es dauerte wahnsinnig lange, bis sich die Lage wieder normalisierte.
In der Ferne heulte ein Rudel Schattenwölfe den wolkenverhangenen Mond an und bereitete sich auf die Jagd vor, das erkannte ich an der Art ihres Heulens. Für jede Aktion haben sie eine andere Tonlage, bis ich das verinnerlicht hatte, waren viele Jahre ins Land gegangen und nun nutzte ich diese Gabe für meine Zwecke. Wenn die Schattenwölfe auf der Jagd waren, dann taten sie dies oft mit dem ganzen Rudel, nur ein oder zwei Weibchen würden bei den Jungen bleiben und dies konnte ich für mich nutzen.
Zum Glück war die Höhle des Rudels nur ein paar Kilometer von unserem Dorf entfernt, also erreichte ich es noch bevor die Tiere aufbrachen. Die meisten von ihnen würden bis zum Anbruch des neuen Tages unterwegs sein und erst wenn die Sonne den Himmel färbte zurückkehren. Mir würde also genug Zeit bleiben die beiden Weibchen außer Gefecht zu setzen und mir ein paar der Jungtiere zu krallen und ins Dorf zurückzukehren, bevor das Rudel zurück war.
Die Höhle der Wölfe lag gut geschützt vor neugierigen Blicken hinter dichtem Gestrüpp verborgen. Die Büsche hielten zum einen ungebetene Besucher fern und zum anderen den Nachwuchs im Bau. Dies vermittelte den Tieren ein Gefühl von Sicherheit und machte angreifbar, denn die beiden Weibchen die die Jungen schützen sollten hielten sich immer auf der Lichtung vor dem Höhleneingang auf.
Nachdem das Rudel aufgebrochen war, wartete ich noch einige Augenblicke bevor ich zu meiner Steinschleuder griff, die immer in meinem Stiefel steckte und die beiden Wölfinnen mit zwei gezielten Schüssen außer Gefecht setzte. Sie waren nicht ernsthaft verletzt, sondern nur bewusstlos. Unser Volk tötete keine erwachsenen Schattenwölfe, dass brachte nur Probleme mit sich, denn diese Tiere rächten den Tod ihrer Rudelmitglieder. Dies tat sie allerdings nur, wenn diese ausgewachsen waren. Den Tod eines Jungtieres steckten sie einfach weg und setzten einen neuen Wurf in die Welt.
Als ich mir sicher war, dass die Weibchen außer Gefecht gesetzt waren verließ ich mein Versteck und kämpfte mich durch das Gestrüpp. Noch ein letztes Mal sah ich mich um, dann betrat ich die Höhle der Wölfe. Sie erstreckte sich weit in den Fels hinein und bot genügend Platz für das große Rudel, aber vor allem für die unzähligen Jungtiere, die mir nun um die Füße wuselten.
Ein wenig überfordert mit der Vielzahl an Jungwölfen, suchte ich das Gewusel nach einfarbigen Tieren ab. Ihr Fell war bei den Handelspartnern unseres Dorfes besonders beliebt, vor allem dann wenn es schneeweiß war.
Am anderen Ende der Höhle entdeckte ich einen Welpen mit reinweißem Fell, er würde mit mir kommen. Ich wühlte mich also durch die Gruppe Jungtiere, um zu dem Zielobjekt zu gelangen, als hinter mir ein tiefes Grollen ertönte. Ich schluckte und drehte mich langsam um, nur um in zwei wütend funkelnde Augen zu blicken. Der Wolf setzte zum Sprung an und flog mir entgegen.

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