Die Tochter der Drachenbändigerin – Kapitel III

Ohne darüber nachzudenken griff ich nach dem Dolch, der an meinem Gürtel hing und streckte dem Wolf meinen Arm entgegen. Ich schloss die Augen, denn ich wusste, dass ich hier und heute sterben würde und das Letzte was ich sah, sollten ganz sicher nicht die Spitzen Zähne eines wütenden Schattenwolfes sein.
Ich wartete auf den Schmerz, der entstehen würde sobald der Wolf mir ein großes Stück Fleisch aus dem Leib riss, doch dieser Schmerz wollte nicht kommen. Stattdessen fiel etwas dumpf zu Boden, gefolgt von einem Jaulen. Langsam öffnete ich die Augen und sah auf den Wolf hinab, der vor mir auf dem Höhlenboden lag. Seine Augen starrten mich aus leeren Höhlen an und ich wusste, dass ich es war, die das Leben dieses Tieres beendet hatte. Sie wollte nur ihre Jungen vor mir beschützen und ich hatte sie getötet. Ich war dermaßen am Arsch. Wir jagten die Schattenwölfe zwar wegen ihres Fells, doch ein Alttier zu töten war uns verboten. Nur die Jungtiere durften erlegt werden, denn die ausgewachsenen Tiere waren uns heilig. Eine komische Logik, die man nicht verstehen musste, aber so war es nun einmal. Mir war klar, dass ich mich nun alleine würde durchschlagen müssen, denn wer ein Schattenwolf tötete, der wurde aus der Gemeinschaft des Dorfes ausgeschlossen.

Ich hatte im Unterholz darauf gewartet, dass es ruhig wurde im Dorf, ehe ich mich in meine Hütte schlich. Wehmütig räumte ich meine Habseligkeiten in eine Tasche, schulterte diese und verschwand zwischen den Bäumen. Sobald die Sonne aufging, würde man bemerken das ich verschwunden war. Wenn es soweit war, wollte ich genügend Abstand zwischen mich und die Menschen bringen, deren Ehre ich mit meiner Unachtsamkeit besudelt hatte.
„Halt!“, rief eine raue Stimme und ich blieb stehen, denn ich wusste das es mir nichts bringen würde mich ihr zu widersetzen.
„Urtien“, hauchte ich und wandte mich zu der alten Frau um, die auf einen knorrigen Stock gestützt zwischen mir und meiner alten Heimat stand.
„Wo willst du hin?“, fragte sie und dieses Mal klang ihre Stimme sanft, beinahe fürsorglich. So wie sie immer geklungen hatte, wenn ich Mist gebaut hatte und sie es bereits wusste.
„Weg von hier, denn ich habe Schande über mein Dorf gebracht“, hauchte ich und wusste, dass Urtien mich verstand. Genauso gut hätte ich meine Antwort denken können.
„Ich weiß, deshalb bin ich hier. Dort hinter den Felsen stehen zwei Pferde, nimm sie und pass gut auf dich auf. Mehr kann ich leider nicht für dich tun“, murmelte sie und senkte den Blick.
„Du hast gewusst, dass dies passieren wird“, stellte ich fest und versuchte meine Stimme nicht zittern zu lassen. Sie nickte kaum merklich.
„Es ist deine Bestimmung. Die Götter haben dies an dem Tag deiner Geburt vorhergesagt und heute ist es nun endlich soweit. Es wird Zeit, dass du deine Wurzeln findest Mayla. Du warst nie eine von uns und nun ist die Zeit gekommen deinesgleichen zu finden. Ich wünsche dir viel Kraft und Glück auf deiner Reise, leb wohl mein Kind“, sagte sie und wandte sich zum Gehen.
„Urtien“, hauchte ich uns sie hielt inne, „werden wir uns wieder sehen?“
„Vielleicht“, sagte sie mit fester Stimme und ging, ohne sich noch einmal zu mir umzudrehen und ließ mich alleine zurück.

Hinter den Felsen standen tatsächlich zwei Pferde. Ein Fuchs, auf dessen Rücken allerhand Dinge befestigt waren, die ich auf meiner Reise sicherlich gut gebrauchen konnte und ein Rappe, dem nur ein Sattel auf dem Rücken lag. Ich dankte den Göttern, dass sie mir in der Nacht vor fünfzehn Jahren Urtien geschickt hatten.
Ich schloss die Augen und sog ein letztes Mal die kühle Nachtluft meiner Heimat tief in meine Lungen, bevor ich mich in den Sattel schwang und mich auf den Weg machte, um nach meinen Wurzeln zu suchen.

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