Vayaf – Zwischen den Welten #1. Kapitel

Obwohl ich mit meinem Roman Tod oder Freiheit noch lange nicht fertig bin, musste ich einfach mit dem nächsten Projekt beginnen. Eigentlich hatte ich mir geschworen, nie wieder an mehreren Projekten gleichzeitig zu arbeiten, aber mir spukte der erste Satz auf einmal und vollkommen unerwartet durch den Kopf. Also fing ich an und habe bisher ein Kapitel geschrieben, welches ich euch nicht vorenthalten möchte.
Das Kapitel befindet sich noch in der Rohfassung, kann und wird deshalb sicherlich noch den einen oder anderen Fehler enthalten. Diese werden im fertigen Roman nicht mehr zu finden sein.

Kapitel 1

Dunkle Nebelschwaden wanden sich dem Himmel entgegen und verdunkelten die Sonne, die einst das Land schmeichelte und ihm das Leben schenkte. Nun war alles tot oder dem Tod geweiht, was dem manngewordenen Schatten ein zufriedenes Lächeln auf die Lippen zauberte.
Langsam ließ er sich zu Boden sinken und spürte die Kraft, die der Nebel freisetze. Jedes Leben, das endete, setzte unglaublich viel Energie frei, die nur darauf wartete eine neue Form anzunehmen. Und dieses Mal würde er es besser machen, dieses Mal würde er vorsichtiger sein. Einen weiteren Versuch gab es nicht …
***
Es war beinahe still auf den schwach beleuchteten Gängen, einzig ein leises Wimmern drang aus der Zelle am Ende des Ganges. Jeder hier unten wusste, wer dort saß und auf seine baldige Hinrichtung wartete. Sie haben sie gesehen, als man sie hier herunter brachte und in aller Seelenruhe über den Gang führte.
Nach einer endlosen Zahl an Stunden verstummte das Wimmern aus 367 plötzlich und es wurde gespenstisch still auf dem Gang. Niemand wagte es etwas zu sagen oder auch nur zu denken, alle warteten angespannt auf ein Lebenszeichen, welches einfach nicht kommen wollte.
»Eure Hoheit? Alles in Ordnung bei euch?«, fragte ein dünnes Stimmchen aus Zelle 356 und durchbrach damit die unangenehme Stille.
Keine Antwort.
»Ach halt doch das Maul! Ist doch alles egal, hier kommt sowieso niemand lebend raus«, fauchte jemand und warf eine tote Ratte auf den Gang.
»Wieso soll ich das Maul halten? Bin ich etwa die Letzte, die an die Unschuld der Königin glaubt und das sie nichts Unrechtes getan hat?«, fauchte die Gestalt aus Zelle 356 und starrte auf die tote Ratte, »Wieso kommt dieser dämliche Köter nicht?«
»Das habe ich mich auch schon gefragt. Sonst kann man nicht einmal seine Hände um die Gitterstäbe legen, ohne das dieses dumme Vieh angerannt kommt und nun lässt es sich diesen Leckerbissen entgehen?«, knurrte jemand und hielt mutig den Arm auf den Gang, doch nichts passierte.
»Spürt ihr das?«, fragte die Gestalt aus Zelle 300 mit klappernden Zähnen, »Es wird auf einmal so kalt hier.«
»Hier ist es immer kalt«, fauchte die Gestalt aus Zelle 356 und ließ sich an den Gitterstäben herabsinken und starrte auf den Gang.
»Ich weiß, dass es hier immer kalt ist, aber nicht so kalt!«, erwiderte Zelle 300 und schnaufte, doch da spürten es die anderen Insassen bereits und wickelten sich enger in die Fetzen, die ihnen als Decken dienten.
»Was soll der Mist? Quält ihr uns nicht schon genug?«, meldete sich nun eine Stimme zu Wort, die sich bisher an keinem der Gespräche beteiligt hatte und schlug mit aller Kraft gegen die schweren Gitterstäbe.
»Ich bin nicht hier, um euch noch mehr zu quälen meine Holdeste«, flötete eine zuckersüße Stimme, die aus dem Nichts zu kommen schien.
»Wer seid Ihr und was wollt Ihr hier?«, knurrte die Gestalt aus Zelle 356 und versuchte einen Blick auf das Wesen zu erhaschen, das auf einmal mitten auf dem Gang stand, ohne wirklich da zu sein.
»Wer ich bin ist unwichtig«, erklärte der Mann, der allmählich Form annahm und federnden Schrittes auf Zelle 367 zu hielt, »Ich bin nur hier um zu holen, was mir gehört.«
»Und was soll das sein?«, fauchte die Gestalt aus Zelle 356 und versuchte nach dem wehenden Mantel des Mannes zu greifen, doch ihre knochigen Hände glitten durch den Stoff. Verwirrt starrte die Alte auf ihre Hand und konnte nicht glauben, was da gerade passierte. Ihre Frage war vergessen und das die unbekannte Gestalt an der letzten Zelle angekommen war, nahm niemand wahr, denn alle starrten sie auf die Hand, die noch immer aus der Zelle 356 hing.
»Ihr habt nach mir gerufen Eure Hoheit?«, fragte der Schatten und verneigte sich vor der zusammengesunkenen Gestalt in der hintersten Ecke der Zelle, die unmerklich nickte.
»Holt mich hier raus«, hauchte sie und starrte mit leeren Blick in die Dunkelheit, die sie umgab.
»Was soll das bringen? Man wird euch auf ewig jagen, egal wo Ihr auch hingeht«, erklärte er und man hörte die Verzweiflung, die in seiner Stimme mitschwang.
»Ich will so nicht enden, versteht Ihr das nicht?«, fauchte sie und kämpfte sich auf die Beine, ohne den Schatten aus den Augen zu lassen.
»Ich verstehe Euch sehr gut mein Kind, doch mir sind die Hände gebunden und das wisst Ihr«, versuchte er sich zu erklären und begann auf und ab zu gehen.
»Ihr seid der mächtigste Schatten von allen, Neuntöter, und wollt mir erzählen, dass Ihr mir nicht helfen könnt?«, knurrte sie und machte einen Schritt auf ihn zu.
»Ich kann es wirklich nicht und Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie sehr mir dies leidtut«, sagte er und starrte der Frau, die einst die Königin war, in die angsterfüllten Augen.
»Warum nicht?«, wollte sie wissen und machte einen weiteren Schritt auf den Mann zu, von dem sie geglaubt hatte, er wäre ihre letzte Rettung.
Er zögerte einen Moment, denn er wusste, was seine Worte anrichten würden: »Weil Ihr meine Tochter seid!« Nun war es heraus und konnte nicht mehr rückgängig gemacht werden. Sie wusste nun sein dunkelstes Geheimnis und würde es gegen ihn verwenden können. Stattdessen starrte sie ihn hilflos an und fragte beinahe tonlos: »Was soll das heißen? Ihr seid mein Vater?«
»Ja Marry und es tut mir unendlich leid, aber ich kann dich hier nicht rausholen. Diese Zelle ist für Halbschatten undurchdringlich, es gibt für dich keinen Weg hier heraus. Ich kann dir nur den Weg auf die andere Seite ebnen und so angenehm wie möglich machen«, seine Stimme war belegt und Tränen standen in seinen Augen.
»Aber dann werde ich als Schatten weiterleben, sobald mein Körper erkaltet ist!«, rief sie aus, doch Neuntöter musste sie enttäuschen.
»Tut mir leid, aber das wirst du nicht«, er senkte den Blick, konnte es nicht ertragen seiner dem Tod geweihten Tochter in die Augen zu blicken, »Ich bin kein Schatten, wie du sie aus den Geschichten kennst. Ich bin DER Schatten.«
»Soll das heißen, dass du mich irgendwann ohnehin getötet hättest?«, ihre Stimme wurde mit jedem Wort schriller und schmerzte in seinen Ohren. Er nickte und wandte sich von seinem Sprössling ab, er ertrug es einfach nicht, ihr ins Gesicht zu sehen.
»Marry, hör mir zu«, begann er und ließ sich an der kalten Wand hinabgleiten und bettete seine Hände im Schoss, »Eigentlich sollten wir uns niemals begegnen. Ich weiß nicht, wer dir den Ruf des Schattens beigebracht hat, geschweige denn, wer überhaupt noch davon weiß, aber das hier hätte nie passieren sollen.«
»Wieso nicht?«, hauchte sie und sackte in sich zusammen. Sie spürte, dass es mit ihr zu ende ging, doch nur Neuntöter konnte erahnen, mit welchen Schmerzen ihr Tod verbunden sein würde, wenn er es nicht langsam beendete.
»Weil unsere Verbindung lediglich eine zweckmäßige ist. Ich brauchte nur deinen Körper, mehr nicht. Ich bin ein Schatten, der langsam seine Kraft verliert, wenn er sich nicht an den Seelen der Menschen nährt«, erklärte er und rappelte sich langsam wieder auf, ihm würde nicht mehr viel Zeit bleiben, bis die Wachen aus ihrer Starre erwachten und ihn hier entdecken würden.
»Das heißt, du beutest mich nur aus?«, knurrte sie und begann zu husten. Er konnte bereits das Gurgeln tief in ihrem Inneren hören und die kalte Hand des Todes spüren, die nach ihr griff.
»Nein Marry, du solltest ein ganz normales Leben führen, so wie jeder andere Mensch auch. Deine Seele sollte erst nach deinem Tod mir gehören«, knurrte er und machte einen Schritt auf sie zu, sodass sie nur noch wenige Zentimeter von einander getrennt waren.
Sie senkte den Blick und wimmerte: »Wir sollten uns nie begegnen?«
Er schüttelte mit dem Kopf, griff unter seinen wallenden Umhang und umschloss den Griff seines Dolches. »Dies ist das Einzige, was ich noch für dich tun kann«, hauchte er und stieß ihr blitzschnell die Klinge in die Brust. Ein erstauntes Seufzen entrann ihrer Kehle, bevor sich ein Lächeln auf ihren Lippen ausbreitete und sie in sich zusammensank.
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